Raus aus der Arbeitslosigkeit – ein kurzer Erfahrungsbericht über Existenzgründung und Mindestlohngesetze

Nach meinem Studium habe ich mich entschlossen, den Beruf des Journalisten anzustreben. Kein geschützter Beruf, wie sich herausstellte. Die Konsequenzen dieser Schutzlosigkeit ließen meine Schläfen anschwellen. Die Geschichte eines holperigen Berufseinstieg.

Jeder kann sich Journalist nennen. Und viele tun das auch, obwohl sie eher Propaganda schreiben oder Satire. Als ich mein Studium hinter mir hatte, wollte ich es daher richtig machen. Ich nahm mir vor, erst ein paar Praktika zu machen um dann ein Volontariat bei einer Zeitung wahrzunehmen. Das ist so ein milieuspezifisches Ausbildungsformat. Fragt man in der Branche rum, ist das der Weg, den viele gegangen sind. Idealtypisch, könnte man sagen.

Erste Schritte bei der Mopo

Mit allem, was ich an Rest-Blauäugigkeit aus meinem Studium aufbieten konnte, machte ich mich also auf den Weg. Meine erste Station war die Hamburger Morgenpost. Als Angehöriger der Generation Praktikum machte ich dort genau das: ein Praktikum – erste Erfahrungen sammeln und vielleicht merken, dass es doch nichts für mich ist. Gerade aus dem Elfenbeinturm herausgestolpert war meine erste Aufgabe, Veranstaltungstipps für das kommende Wochenende herauszusuchen und aufzuschreiben. Am Ende meiner Arbeit bei der Morgenpost meinte mein Betreuer zu mir, dass er sich nach diesem Text nicht sicher war, wen sie sich da ins Boot geholt hatten. So gut war das Ergebnis meiner Arbeit.

Von da ab ging es jedoch bergauf. Ich brachte eigene Themen ein, lernte mit dem Redaktionsprogramm umzugehen und arbeitete mit meinen Kollegen zusammen. Mein erstes eigenes Ding war „Der Bestatter der Kiez-Größen“. Bei Recherchen zum Friedhof Ohlsdorf war ich auf einen Bestatter gestoßen, der irgendwann das Vertrauen des Hamburger Zuhältermilieus erworben hatte. „Wenn Du den kriegst“, sagte ein älterer Kollege zu mir, „dann kriegst Du den Pulitzer.“ Er habe seit Jahren versucht, ein Interview mit dem Mann zu kriegen. Ebenso die Kollegen von der Bild. Alle hatten sich die Zähne an dem Mann ausgebissen. Mir gelang es.

Verständlicherweise störte sich der Mann an dem Titel des Kiez-Bestatters, den er bereits vor Jahren vom Hamburger Boulevard verliehen bekommen hatte. Er hatte in seiner langen Karriere tausende Menschen unter die Erde gebracht – nur eine Hand voll davon kamen aus dem Rotlicht-Milieu. Mein Text sollte das wiederspiegeln. Doch die Überschriften machen andere. Und nicht zuletzt, so mein Kollege, sei das nun einmal der Grund, warum überhaupt über ihn berichtet werde. Die Kiezgrößen machten den Bestatter relevant. Die Bestattung des schönen Mischa oder die der Opfer von Werner „Mucki“ Pinzner sind der Stoff von Geschichten, die ziehen.

Es folgten viele weitere Geschichten bei der Mopo: Über Kultkneipen, Personalmangel bei den Elbschleusen, und Fluglärm in Hamburger Parks. Tag für Tag, Woche für Woche schrieb ich Geschichten. So viel Text hatte ich noch nie in so kurzer Zeit verfasst. Dass die Mopo eine relativ kleine Redaktion ist, hat dabei bestimmt geholfen. Von Anfang an habe ich praktisch dasselbe gemacht, wie alle anderen auch. Immer war jemand da, um mir meine Fragen zu beantworten und immer hatte auch jemand Zeit, um das zu tun. Am Ende meines Praktikums bei der Mopo war mir klar: Das ist es. Journalismus ist der Weg.

„Da haben wir ein Problem“ – Der Abbruch der Hospitation beim Abendblatt

Während meines Praktikums bei der Morgenpost war ich noch an der Universität eingeschrieben. Deswegen konnte ich keinen ALG II-Antrag stellen. Da ich nicht, wie sonst auch niemand, von Luft und Liebe leben kann, wurde das jedoch zum drängenden Problem. Nachdem ich also mein Studium beendet hatte und meine Exmatrikulationsbescheinigung in Händen hielt, führte mich mein erster Gang zum Jobcenter in Hamburg-Nord. Dort nahm man mich freundlich auf und gab mir, wie sollte es anders sein, zwei Termine. In ein paar Wochen solle ich zurückkommen – einmal zur Arbeitsvermittlung und einmal für den eigentlichen Antrag.

Während ich darauf wartete, dass das Amt Zeit für mich hat, begann mein Praktikum beim Hamburger Abendblatt. Nach einem erneuten Entry-Shock durch das Versemmeln einer Aufgabe, die im Zusammenhang mit Veranstaltungstipps stand, fand ich auch hier guten Eingang in die Redaktion. Das beeindruckendste Erlebnis in meiner Zeit dort war ohne Frage die erste Vorlesung von Bernd Lucke, die er nach seinem Abstecher in die Politik an der Uni Hamburg hielt. Der Mitgründer der AfD wurde von circa 300 Protestierenden fast anderthalb Stunden angebrüllt, rührte sich dabei aber nicht vom Platz. Nach dem Vorfall dröhnten mir die Ohren.

Leider kam es zwischen mir und dem Abendblatt zu einem folgenschweren Missverständnis, als das Praktikum ausgemacht wurde. Die Personaler der Zeitung dachten, ich sei noch Student. Das war ich allerdings nur in der ersten Woche des Praktikums. Dieses Missverständnis wurde mir auf dem Jobcenter aufgezeigt, wo ich der Arbeitsvermittlerin stolz erzählte, wie gut ich mich doch mit meinen Praktika um einen Einstieg in den Arbeitsmarkt und das Berufsleben bemühte. „Da haben wir ein Problem“, antwortete die Frau, als ich mit meinen Ausführungen fertig war, und klärte mich darüber auf, dass ein Praktikum dieser Länge nicht vorgesehen sei. Und sowie so hätte ich es vorher anmelden müssen.

Als „berufsorientierend“ könne das Praktikum nicht gelten, da es sich bei einem Volontariat, der hoffentlich nächsten Station in meinem Werdegang, nicht um eine staatlich anerkannte Berufsausbildung handelt. Mir boten sich also zwei Alternativen: Einerseits konnte ich mein Praktikum beim Abendblatt abbrechen, um am Montag in einer Maßnahme zu sitzen und zu lernen, wie ich ordentliche Lebensläufe formuliere. Oder ich hoffte andererseits darauf, dass das Abendblatt mich bezahlt. Da mein Philosophie-Studium als abgeschlossene Berufsausbildung gilt, ist es laut Mindestlohngesetz nämlich illegal für das Abendblatt, mich unentlohnt zu beschäftigen. Das ALG II wäre eine Subvention des Abendblatts. Mit dieser Hiobsbotschaft kehrte ich zurück in die Redaktion, um meinen Arbeitgeber von der neuen Situation in Kenntnis zu setzen.

Dort setzte man sich herzerweichend für mich ein. Besonders der Betriebsrat versuchte alle Hebel in Bewegung zu setzen, um seinem jungen Kollegen einen Verbleib beim Blatt zu ermöglichen. Doch es ging nicht. Die Portokasse der Zeitung gab eine Anstellung nicht her. Die Stelle müsste erst bei der Konzernzentrale beantragt werden. Bis dahin könne man mich nicht weiter beschäftigen, da das illegal sei. „Heißt das, dass ich Montag nicht mehr zu kommen brauche?“, fragte ich die Personalerin. Nein, morgen schon brauche ich nicht mehr zu erscheinen. Da ich aber offensichtlich einen guten Eindruck bei meinen direkten Vorgesetzten hinterlassen hätte, werde umgehend der Antrag auf die Budgetierung einer Stelle für mich gestellt. Ich solle mir allerdings keine zu großen Hoffnungen machen.

Und weiter

Das vorzeitige Ende meiner Hospitation beim Abendblatt war eine ernüchternde Erfahrung. Vielleicht etwas blauäugig hatte ich angenommen, dass mein Bemühen um einen Einstieg in den Journalismus von den offiziellen Stellen mit Wohlwollen wahrgenommen wird. Dass dem nicht so ist, verwirrt mich nach wie vor. Dabei ist meine Situation das Resultat der besten Absichten auf Seiten des Gesetzgebers. Ausbeutung soll verhindert werden. Wer wäre dagegen? Jetzt geht es für mich weiter zur nächsten Station: Ein Volontariat soll es werden. Denn mit dem Dämpfer, den mir das Jobcenter verpasst hat, ist der grundsätzliche Plan, den ich verfolge, noch lange nicht zu den Akten gelegt. Dort draußen gibt es noch Geschichten zu erzählen.

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