Abtauchen in die Unsichtbarkeit

Gestern habe ich einen Vortrag im sogenannten libertären Zentrum (LiZ) besucht. Gegenstand war der Umgang mit der Flucht vor der Polizei aus der Perspektive der Betroffenen heraus. Den Rahmen dieser Perspektive bildet dabei der „revolutionäre Kampf“ gegen ein als ungerecht angesehenes System, welches in repressiven Herrschaftsverhältnissen das Leben der Einzelnen ohnehin erschwere.

Das libertäre Zentrum (LiZ) wird vom Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) als Versammlungs- und Veranstaltungsort der als linksextremistisch geltenden autonomen und anarchistischen Szene geführt. Diese kann in Hamburg eine lange Tradition vorweisen und machte zuletzt weltweit durch die teilweise gewaltsam verlaufenen Protestaktionen um den G20-Gipfel in Hamburg im Jahr 2017 Schlagzeilen. Das Gebäude des LiZ ist in einem Hinterhof gelegen und wird von den umliegenden Mietskasernen weit überragt. Als ich dort ankomme, sitzt eine kleine Gruppe von Menschen vor dem Haus und unterhält sich über Alltägliches.

Der Vortrag beginnt gegen 19:30 Uhr. Nach einigen organisatorischen Präliminarien stellen sich die Vortragenden vor. Es ist eine Gruppe aus vier Menschen, drei Männern und einer Frau, die anonym bleiben, jedoch darlegen, wie sie über einen gemeinsamen Freund, der sich gezwungen sah unterzutauchen, mit dem Thema „Klandestinität“ in Kontakt kamen. Klandestinität meint dabei das Abtauchen in den Untergrund, um sich den Strafverfolgungsmaßnahmen der staatlichen Institutionen zu entziehen. Das Thema sei in der Szene allgegenwärtig, werde jedoch in Diskussionen gemieden. Daher entschlossen sie sich zu einer dezidierten Auseinandersetzung mit der Thematik und berichten nun von ihren Erkenntnissen.

Betont wird, dass dieser Vortrag kein Plädoyer für die Entscheidung zum Untertauchen darstellen solle. Es verhalte sich so, dass dieses Thema in der Szene streckenweise eine mythologisierende Behandlung erfahre. Die Betroffenen würden entweder zu Helden oder zu Monstern verzerrt. Diese Behandlung schade dem Diskurs, da es sich bei der Flucht in den Untergrund häufig um die einzige Alternative zum „Knast“ handele. In diesem Kontext wird auch die Alternative des Abtauchens als eine staatliche Repression gesehen, da auch sie letztendlich der Aufrechterhaltung der bestehenden Verhältnisse diene. Man wolle kein Rezeptwissen liefern, da die jeweiligen Situationen der Einzelnen ihrer je eigenen Behandlung bedürfen. So kann Klandestinität bspw. dynamisch oder an einen Ort gebunden durchgeführt werden, d.h. entweder von Ort zu Ort wechselnd oder an einem Ort für längere Zeit verbleibend.

Ein neues Leben

Das Untertauchen geht mit einem abrupten Abbruch der Kommunikation zum bisherigen Umfeld einher. Auf diesen Punkt bzw. seine Auswirkungen auf das Leben der Untertauchenden kommen die Vortragenden immer wieder zurück. Dabei muss die Kommunikation nicht ganz zum Halten kommen. Sie kann fortbestehen z.B. über Artikel oder offene Briefe in Zeitungen, die es den alten Gefährten ermöglichen die Untergetauchte über das Nötigste auf dem Laufenden zu halten. Auch werden häufig sporadische Kontakte aufrechterhalten, über die „Briefe aus dem Nirgendwo“ an das alte Umfeld gerichtet werden könnten. Jede dieser Möglichkeiten geht jedoch das Risiko ein, den Schleier der Geheimhaltung zu heben, in die Fahrlässigkeit abzugleiten oder aus Angst vor Entdeckung abzubrechen. Das sich so ausbreitende Schweigen kann sich auf das Umfeld des Geflüchteten, auf die Projekte, an denen er mitwirkte, ausbreiten. Hilfreich seien in solchen Situationen „gemeinsame Legenden“, um vom weiteren Umfeld häufig gestellte Fragen konsistent beantworten zu können. Diskretion sei jedoch in jeder Hinsicht Trumpf.

Die Vortragenden bringen mit der Tabuisierung des Themas auch einen Mangel an Vorbereitung in der Szene in Verbindung. Konkretes könne man, aus den oben genannten Gründen, nicht sagen. Jedoch gäbe es handfeste Probleme, auf die man sich am besten im Voraus für den Fall der Fälle vorbereiten sollte. Habe ich ein unregistriertes Telefon? Wie miete ich eine Wohnung ohne ein Konto? Wie kann ich „wirklich“ sicher eine Grenze überqueren? Wie halte ich den Kontakt zur Familie, zu Freunden, aber auch zu Anwälten aufrecht? Was soll kommuniziert werden und wie? Wo kann man spontan unterkommen? Sinnvoll sei der Anschluss an bestehendes Know How im Umfeld, auch im weiteren.

Klandestine Praxis

Erschwert würde die Flucht auch durch die immer lückenlosere Überwachung. Diese werde mit dem technischen Fortschritt immer engmaschiger und über Social Media wie Facebook und andere immer mehr privatisiert – ob gewollt oder nicht. Die international aufgestellten Polizeidienste wie Inter- oder Europol tun ihr Übriges. So könne einen selbst ein einmaliger Kontakt in den Augen dieser Institutionen zu einer „relevanten Person“ machen. Auch darum müsse Kommunikation kontrolliert verlaufen. Jedoch sei „Big Brother“ nicht so mächtig, wie es häufig den Anschein habe. Es gäbe Lücken im System, die zu finden bereits als Angriff auf das System selbst zu werten seien.

Strafbar sei die Flucht selbst in Deutschland nicht. Strafbar machen sich allerdings all diejenigen, welche der Untergetauchten bei ihrer Flucht zur Seite stünden. Zentral für das Thema Klandestinität seien Verjährungsfristen. Diese könnten allerdings ruhen. Auch gibt es Möglichkeiten, diese zu verlängern oder sogar von vorne beginnen zu lassen. Dazu seien neue Vorwürfe notwendig, die sich Staatsanwaltschaften jedoch immer wieder herbei konstruieren würden, so sinngemäß die Vortragenden.

Innenperspektiven

Auch aus feministischer Perspektive wolle man das Thema beleuchten. Dieser Abschnitt beginnt mit generellen Ausführungen zur Bedeutung bestimmter Räume in der Wahrnehmung unterschiedlicher Personen. Dunkle Straßen bspw. seien für die einen bedrohlicher als für die anderen. Diese Effekte würden in der Klandestinität verstärkt und bedingten so ein verhältnismäßig höheres Bedrohungsempfinden. Klandestinität habe jedoch nicht nur Bedeutung für die Sicherheit der so Lebenden. Auch der Lebensunterhalt muss verdient werden. Unter dem Radar staatlicher Überwachung verlaufende Tätigkeiten, also Schwarzarbeit, sei überwiegend körperliche Arbeit, die von körperlich schwächeren Menschen schwerer zu bewältigen sei. Zu üben seien daher die verschiedensten Dinge vom Reisen bis zum „Waffengebrauch“. Ebenso sei man als Frau allein auffällig. Daher müsse man darauf achten in Kontexten unterzutauchen, in denen man bspw. als Besuch oder Familie in den Augen der Anderen weggedeutet werden könne.

Mit dem Abbruch des Kontaktes zu den größten Teilen des ehemaligen Umfeldes gingen auch emotionale Aspekte einher. Denn mit dem Untertauchen ergäben sich Einschnitte im Identitätsverständnis. So ändere sich das Verhalten, aber auch das Aussehen der Untertauchenden. Die Vortragenden berichten von einer Bekannten, die eine solche Erfahrung gemacht hat und welche sich dadurch half, dass sie sich selbst einredete, dass, was sie tat, um ihre Klandestinität aufrecht zu erhalten, nur eine Fassade vor ihrer eigentlichen Identität sei. Solche Fragen würden jedoch in der Praxis gegenüber taktischen Überlegungen zur konkreten Alltagsgestaltung zurückgestellt werden. Die Erfahrung des Verlustes teilen sowohl die Flüchtenden als auch die Zurückbleibenden. Auch letztere verspüren Trauer und Wut. Rituale könnten dabei helfen, das Verlustempfinden zu bewältigen. Über die vermisste Person sprechen, Fotos von ihr betrachten oder mit ihr assoziierte Musik hören bspw. Die Vortragenden lesen ein Zitat vor, in dem ein Untergetauchter seine Bemühungen um das Festhalten der eigenen Identität mit dem Transportieren von Sand mit der bloßen Hand vergleicht. Sandkorn um Sandkorn, Erinnerung um Erinnerung bleibe auf der Strecke. So verlustreich sich das Untertauchen auch ausgestaltet: In der Klandestinität ergäben sich jedoch auch neue Möglichkeiten, neue Kontakte, neue Freundschaften. Manche Untergetauchten würden ihr Engagement sogar intensivieren. Kontakte zu neuen Gruppen und Strömungen könnten etabliert werden. Das Gefühl der wirtschaftlichen Abhängigkeit von diesen werde jedoch häufig als Belastung erfahren.

Verrat und Solidarität

Keine Solidarität zu zeigen, sei kein Verrat, so die Vortragenden. Solidarität meint dabei konkrete Hilfestellungen zu geben, wie etwa Obdach zu gewähren oder ähnliches. Informationen über die klandestin Lebenden weiterzugeben, würden die Vortragenden schon als Verrat charakterisieren. Einige Flüchtende bauen sich ein Umfeld auf, in welches sie so integriert sind, dass sie gar nicht mehr in ihr altes Leben zurückkehren wollten. Über Unterstützernetzwerke lasse sich der Kontakt zu diesen Aussteigern jedoch aufrechterhalten. Dieser Weg würde häufig gewählt werden, da auch die Rückkehr in das „normale Leben“ einen ebensolchen Bruch ausmachen könne, wie das Abtauchen in die Illegalität. Die Rückkehr kann zwar unter selbstgesetzten Bedingungen stattfinden, jedoch bleibe auch hier die Trennung in ein Vorher und ein Nachher bestehen.

Konkrete Solidarität, so die Vortragenden, zeige sich darin, dass man sich bemühe den Kontakt aufrechtzuerhalten. Kommunikationswege und Finanzierungsnetzwerke einzurichten seien weitergehende Maßnahmen, welche bereits prophylaktisch angegangen werden könnten. Auf Demonstrationen mit dem Ruf „Wir sind nicht alle!“ anzuzeigen, dass es klandestine Unterstützer der Sache gibt, für die demonstriert wird, sei ein weiterer konkreter Weg auf das Schicksal dieser „Gefährten“ aufmerksam zu machen.

Auf den Vortrag stieß ich über eine Internetplattform, die einen „linken“ Veranstaltungskalender für Hamburg anbietet. Das Thema interessierte mich, jedoch war ich mir nicht ganz klar (und bin es mir bis dato nicht so ganz), worauf ich mich da eingelassen habe. Was heißt „linksextrem“ genau und was heißt das in Bezug auf die Veranstaltung, zu der ich gerade fahre? Das fragte ich mich auf dem Weg zum LiZ. Dort angekommen grüßte man mich freundlich. Vielleicht wären wir auch direkt ins Gespräch gekommen, wenn ich mich nicht so sehr am Rand gehalten hätte. Diese Zuordnungsschwierigkeiten bestanden wohl auch auf der Gegenseite. Denn in der Pause trat ein junger Mann an mich heran, der mich fragte, ob ich für irgendeine Zeitung oder für mich selbst schreibe. Etwas überrumpelt, da ich las, antwortete ich, dass ich für mich selbst schreibe.

Wir gegen die

Was den Inhalt des Vortrags anbelangt, ergab sich mir nicht allzu viel Neues. Vielleicht habe ich in der Vergangenheit zu viele Krimis gesehen und gelesen. Was mir auffiel war die konsequent angewandte Bezeichnung aller Polizisten als „Bullen“. Solcherart Entmenschlichungen von ganzen Personengruppen beißen sich in meinen Augen mit Konzepten universeller Personenrechte, welche ich als sinnvoll erachte. Personen als Funktionen einer Gruppe zu betrachten, wird gerade dem spezifisch menschlichen, seiner Individualität, nicht gerecht. Und eben dieser Individualität spürte ja auch der Vortrag in seinen Ausführungen über die emotionalen Aspekte der Klandestinität und die Bedeutung des Untertauchens für die Identitätsvorstellungen der Untergetauchten nach. Gerade das Bild des aus der Hand rinnenden Sandes schien mir die schleichenden Aspekte dieser Vorgänge treffend zu erfassen. Schleichende Vorgänge, die das Untertauchen in ein Untergehen verwandeln können.

 

Quellen:

Landesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2016, Hamburg, 2017.

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